Als Lothar Maier Anfang zwanzig war, hätte er sich kaum erträumt, rund zwanzig Jahre später im altehrwürdigen Berliner Jahnsportpark um Medaillen zu kämpfen. Bis dahin hatte er nur das runde Leder im Kopf, als Goalgetter führte er den TSV Gundheim aufs Feld. Nach mehreren gesundheitlichen Schicksalsschlägen war an Fußball aber irgendwann nicht mehr zu denken. Doch Maier ließ sich nicht unterkriegen. Seit einem dreiviertel Jahr trainiert er für Leichtathletikwettkämpfe der Behinderten.

 

Und das mit durchschlagendem Erfolg: Bei seiner ersten Teilnahme an der Internationalen Deutschen Meisterschaft der behinderten Menschen (kurz "IDM"), räumte er bei den Senioren gleich zwei Mal Edelmetall ab. In einer Startklasse gemeinsam mit Unterschenkel- und Oberschenkelamputierten sowie Menschen mit einem Behinderungsgrad der unteren Extremitäten ab 20 Prozent nahm Maier an drei Wurfdisziplinen teil: Beim Diskuswerfen bedeuteten 20,55 Meter die Silbermedaille, im Kugelstoßen reichten 8,52 Meter im fünften Versuch zu Bronze. Lediglich im Speerwurf ging der 42-Jährige leer aus, mit 23,79 Metern landete er auf dem vierten Rang.

An Lothar Maiers guter Laune änderte dies freilich nichts. Ohnehin standen für ihn andere Aspekte im Vordergrund als der sportliche Erfolg: "Mit den Medaillen hatte ich auch gar nicht gerechnet. Ich wollte mir das Ganze zunächst mal anschauen und mit anderen behinderten Athleten ins Gespräch kommen, um da erste Kontakte zu knüpfen." Von der Offenheit und Kameradschaft unter den sportlichen Kontrahenten zeigte sich Maier tief beeindruckt: "Fair-Play wird da sehr groß geschrieben, das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Jeder wünscht dir Glück, gibt dir sogar Tipps."

Den Trip nach Berlin habe er keine Sekunde bereut, betont Maier: "Das war eine super Erfahrung. Ich habe viel mitgenommen. Es war toll zu sehen, wie Menschen mit einer stärkeren Behinderung so viel Begeisterung und Freude aus dem Sport ziehen." Dass Maier an der IDM überhaupt teilnehmen konnte, lag auch an der Unterstützung seiner Sponsoren "Haus der Ingenieure" (Gundheim) und "Druckforum" (Osthofen). "Ohne deren Hilfe wäre das nicht möglich gewesen, sie haben mir bei der Zahlung der Meldegebühren und Ausrüstung unter die Arme gegriffen. Ansonsten wäre mir das wohl zu viel Geld gewesen."

Der Stolz auf seine Leistung ist Maier anzumerken, schließlich hat er nicht nur einen schweren Motorradunfall weggesteckt, der ein Bein derart in Mitleidenschaft gezogen hat, dass er Jahre später eine Knieprothese eingesetzt bekam. Darüber hinaus musste er sich am anderen Bein einer Versteifung unterziehen, nachdem eine alte Fußballerverletzung zu zahlreichen Komplikationen geführt hatte. "Das war eine Folgeoperation, nach der ich mir schon die Frage gestellt habe, ob Sport überhaupt noch möglich sein wird", gesteht der Gundheimer. Maiers Aha-Erlebnis setzte 2012 während der Paralympics in London ein. Noch heute erinnert er sich genau: "Ich habe im Fernsehen einen französischen Werfer gesehen und zu meiner Familie gesagt: Das kann ich auch. Da haben erst mal alle gelacht." Drei Jahre später hat er sich diesen Traum verwirklicht, unter den wachsamen Augen von Lutz Caspers, ein Urgestein des Hammerwerfens, eignete er sich die Grundlagen der Wurfdisziplinen an. "Er achtet auf die Kleinigkeiten und hat mich sehr vorangebracht", schwärmt Maier, den das Leichtathletikfieber längst gepackt hat: "Ich will jetzt am Ball bleiben. Ich hoffe, dass ich auch andere Behinderte ermutigen kann. Inklusion sollte nicht nur in den Schulen, sondern auch in Vereinen gelebt werden."

 

geschrieben von Lukas Gutzler